Wie Künstliche Intelligenz und Roboter in der Pflege helfen können

am Montag, 16 August 2021.

Kann Künstliche Intelligenz bei der Versorgung pflegebedürftiger Menschen helfen? Die Anwendungsfelder sind vielfältig. Doch der Weg in die Praxis ist oft weit. Um viele ethische Fragen wird noch heftig gestritten.

Wie soll die Pflege der Zukunft aussehen? Angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung wächst nicht nur der Bedarf an geschulten Kräften, sondern auch an Innovationen. Kann Künstliche Intelligenz – KI – hier eine Rolle spielen? Und wie stellt man sicher, dass die Menschlichkeit erhalten bleibt?
Zur Einordnung muss man zunächst wissen, wovon hier die Rede ist. Denn um KI ranken sich viele Missverständnisse. Am Ende ist es der Versuch, menschliche Entscheidungen über Computer abzubilden, erklärt Professor Andreas Hein, ein Fachmann für Assistenzsysteme.
Schon seit einigen Jahren werde dies versucht. Und zwar, indem Regeln definiert und auf ein spezifisches Problem angewendet werden.
Das bedeutet mit Blick auf Medizin und Pflege: „Ärztinnen oder Pflegern wird etwas vorgeschlagen, was der Computer aus den Daten ableitet. Die finale Entscheidung trifft aber ein Mensch“, sagt der Direktor des Departments für Versorgungsforschung an der Universität Oldenburg.
In der ambulanten Pflege finde KI bereits Anwendung, etwa in der Routenplanung. Hier werden zum Beispiel anhand von Fahrtzeiten oder Präferenzen der Patientinnen und Patienten Touren geplant.
„Da geht es um relativ komplexe Berechnungsprobleme, in denen der Mensch nicht gut ist“, sagt Hein.

„Ohne Daten keine KI“
Seit einigen Jahren dominieren dem Forscher zufolge in der KI Verfahren, die es Maschinen ermöglichen, mit Daten zu lernen. „Hier werden vorab keine Regeln festgelegt, sondern die Regeln werden aus Daten extrahiert“, erklärt Hein.
Damit das gut klappt, müssen die Daten gut sein: Man müsse die Entscheidungsgrundlagen kennen und die Entscheidungen, die auf deren Basis getroffen wurden.
Der Professor nennt ein Beispiel: So können in der Radiologie mit archivierten Computertomographie-Bildern und daraus gestellten Diagnosen Systeme trainiert werden.

Das einzige Problem: In der Pflege gibt es solche Daten bislang nicht. Das sei gerade erst im Aufbau, so Hein.
„Ohne Daten keine KI“, fasst die Pflegewissenschaftlerin Karin Wolf-Ostermann zusammen. Die Professorin leitet die Abteilung für Pflegewissenschaftliche Versorgungsforschung an der Uni Bremen.
Gerade die Dokumentation sei eines der großen KI-Zukunftsthemen, meint Andreas Hein. Pflegekräfte verbrächten damit 30 bis 50 Prozent ihrer Zeit. Könnten sie das schneller erledigen, bliebe mehr Zeit für die Arbeit am Menschen.
„Wir glauben, dass wir hier noch mehr Daten werden einspeisen müssen, um mit Hilfe von KI die Dokumentation unterstützen zu können“, sagt der Experte.

Viele Anwendungsmöglichkeiten, wenig Verbreitung
Das Thema KI in der Pflege nehme gerade Fahrt auf, sagt Karin Wolf-Ostermann. Am Pflegeinnovationszentrum, einem interdisziplinären Forschungsprojekt, untersucht sie mit Andreas Hein und vielen weiteren Fachleuten, welche neuen Technologien für die Pflege relevant werden könnten. Relativ weit entwickelte Produkte werden in angeschlossenen Pflegepraxiszentren auf ihre Alltagstauglichkeit und Wirksamkeit geprüft.
Die Anwendungsfelder für KI in der Pflege seien ein „bunter Mix“, sagt Wolf-Ostermann: Vom Monitoring des Gesundheitsstatus oder der Aktivitäten von Pflegebedürftigen, über Alarmmanagement und Erkennung von Stürzen bis hin zur Dienst- oder Medikationsplanung. In der Breite finde bisher aber kaum eine Anwendung ihre Verwendung.
Auch die soziale Unterstützung, Interaktion und Aktivierung gehören zu KI-Anwendungen dazu – geistig und körperlich. Das kann bei der Betreuung von Menschen mit Demenz hilfreich sein, obgleich es aus ethischer Sicht umstritten ist, wie Andreas Hein sagt.

So bestehe zum Beispiel beim Einsatz tierähnlicher Roboter die Gefahr, dass durch technischen Ersatz die notwendige Zuwendung und der Umgang zwischen dem Demenzkranken und der Pflegekraft reduziert werde.
Hein nennt jedoch auch Studien, wonach kurzfristige positive Wirkungen erreicht werden könnten. Allerdings nur, wenn die Roboter gut in den Pflegealltag eingebunden werden.
Zunehmend werde ein spielerischer Ansatz gewählt, sagt Wolf-Ostermann. Eine Erfindung aus den Niederlanden zum Beispiel lässt Demenzpatientinnen und -patienten um einen Tisch Platz nehmen, wo sie mittels Lichtprojektionen etwa Blumen zum Blühen bringen. Das System erkennt, wo ihre Hände sind und wie sie diese bewegen.

Roboter mit KI helfen beim Umlagern
In Robotern, die beim Umlagern von Patienten helfen, steckt heutzutage ebenfalls Künstliche Intelligenz. Hier sei es wichtig, dass erfasst wird: Was möchte die Pflegekraft gerade tun, aber auch, was die Sensorik am Bett und der Pflegebedürftige zurückmelden, wie Andreas Hein beschreibt. Der Erfolg steht und fällt eben mit Daten.
Technik und neue Technologien seien heute kaum mehr aus der Pflege wegzudenken, sagt Pflegewissenschaftlerin Wolf-Ostermann. Man wisse aus eigenen Studien auch: Die Aufgeschlossenheit der Pflegenden gegenüber neuen Techniken sei prinzipiell hoch.

Gestaltungsspielräume sollten aus der Pflege heraus aktiv genutzt werden, sagt sie, indem rechtzeitig eine breite Auseinandersetzung mit technologischen Innovationen stattfinde. Diese müsse offen geführt werden – „sowohl mit Blick auf Möglichkeiten als auch Risiken“.

Der Mensch im Mittelpunkt
Einig sind sich die Forschenden darin, dass der Mensch weiter im Mittelpunkt stehen wird. Es gebe Bereiche, in denen der Einsatz von Künstlicher Intelligenz Sinn mache und andere, in denen er etwa aus ethischen Gründen besser unterbleibe, sagt Andreas Hein.
„Es kann keinesfalls darum gehen, Pflegekräfte zu ersetzen, sondern darum, sie zu unterstützen“, sagt Karin Wolf-Ostermann. Soziale Kompetenz könne nicht durch KI ersetzt werden.


Künstliche Intelligenz und Empathie. Vom Leben mit Emotionserkennung, Sexrobotern & Co.
Misselhorn, Catrin
Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag
Ditzingen 2021
ISBN-10 ‏ : ‎ 3150140471
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3150140475
Rez. Dr. Regina Mahlmann

Die Autorin, Fachfrau für Maschinenethik, greift in dem schmalen Band (Reihe: Was bedeutet das alles?) ein aktuelles und brisantes, weil die Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenlebens betreffendes Thema auf: Künstliche und Emotionale Intelligenz, KI und EI oder Affective Computing (AI) und damit insbesondere vermeintlich empathische Roboter. Sie bietet einen knappen, summarischen Ein- und Überblick mit Begriffsskizzen: Verständnisweisen, Funktionsbedingungen, Programmierungsaspekten von Robotern mit harter Materie und solchen mit weicher Materie bis zu Sexrobotern mit Scheinhaut, Sensoren und einem Repertoire empathischer Dialogfähigkeit.

Zudem beschreibt sie das Spektrum an Leistbarkeit von Empathie anhand eines von ihr definierten Empathiebegriffs als Basis für die Einschätzung, ob und – scheinbar -inwiefern Maschinen empathiefähig sein können sowie für die Gegenüberstellung menschlicher und maschineller Empathie, einschließlich bereits bediente Anwendungsfelder, etwa in der Pflege, bei Autismus, in der Psychotherapie – stets mit Hinweisen auf technische Leistung, die an menschlichen Bedürfnissen gemessen wird.

Im Zentrum der Diskussion und Beurteilung steht nicht das Als-ob empathischen Empfindens, also Verhalten, sondern das wirkliche Empfinden von Empathie und daraus resultierender Reaktionen und Initiativen seitens der Maschinen. Letztere spricht Catrin Misselhorn Robotern grundsätzlich ab, was nicht zuletzt ein Ausfluss ihrer Definition bzw. der Festlegung ist, dass ein empathisches Verhalten nicht ausreiche, um Robotern Empathiefähigkeit zuzusprechen. (Was die Autorin nicht davon abhält, ethische Rechte auch Maschinen zuzusprechen, etwa bezüglich der Frage, ob es erlaubt sein soll, Robotern Schmerz zuzufügen oder sie gar zu vergewaltigen. Dabei weitet sie die Betrachtung aus auf psychologische Wirkungen, unter der Annahme, das menschliches Verhalten Robotern gegenüber auf Menschen übertragen wird.)

Es finden sich durchaus debattierwürdige Annahmen und Schlussfolgerungen in dem Buch. Dies betrifft grundlegend den Empathiebegriff, insbesondere die These von der ermöglichenden Funktion moralischen Empfindens und Verhaltens durch Empathie, auch wenn sie konzediert, dass diese Annahme als notwendige Bedingung zumindest für die Ausbildung moralischen Verhaltens nicht zwingend ist. Ihre Zuschreibung fungiert als Schlüssel ihrer Argumentationen und Konklusionen, gewinnt an Gewicht, weil sie jene Schlussfolgerung vorbereitet, die in den Kapiteln 6 und 7 („Arme Alexa! – Empathie mit Robotern und virtuellen Agenten“ sowie „Freundschaft, Liebe und Sex mit Robotern“) dargestellt werden und in denen Catrin Misselhorn sowohl sozialkritisch, feministisch unterfüttert, als auch moral- und sozialphilosophisch argumentiert, vor allem gegen einen verbreiteten Einsatz von Sexrobotern speziell und KI-Robotern generell, soweit sie in allen Lebensbereichen eingesetzt werden. Denn: Ihre Sorge gilt der Gefahr einer durchgängigen Verdinglichung von sich selbst und anderen Menschen, die das Fundament eines sozialliberalen Zusammenlebens zerstöre, ein Leben in einer Demokratie, in der Menschen sich nicht nach Maschinen (Algorithmen) richten, sondern diese nach den Menschen. Diese Überlegung erhält Nahrung insbesondere durch die Ausführungen der inzwischen vielfach belegten Tatsache, dass sich Menschen sehr leicht dazu verführen lassen, mit Maschinen Mitleid zu haben, ihnen immerwährende Geduld zuzusprechen, auch Einfühlsamkeit und Anteilnahme bis hin zu dem Eingeständnis, Maschinen vorzuziehen.

Ein sehr lesenswerter Band, der sowohl informiert als auch nachdenklich macht und für jene, die sich in die Materie vertiefen möchten, Literaturhinweise anbietet.

 

 

Dr. Regina Mahlmann
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